22. Juli 2011

Wie man seine Vermieterin verärgern kann

Die nächsten Tage bringen ununterbrochenen Dauerregen. Da kann Mutter noch so oft sagen: „Da hinten ist aber schon wieder schön!“ wie sie will, es wird nicht besser. Selbst Katze mag kaum noch den Vögeln hinterher jagen auf die Bäume.
Dienstag taucht auch endlich mal die Vermieterin wieder auf, nachdem ich ihr auf ihrem AB hinterlassen habe, dass sie umgehend im Haus erwartet wird und zwar mit den bereits gezahlten Euros. Sie kommt und bringt Verstärkung mit, ihre Freundin, die sie immer nach Zalakaros fährt, wie sie erklärt. Beide stehen etwas bedröppelt vor der Terrasse unter ihren Regenschirmen. Ich bitte sie unters Dach. Die Freundin geht erst mal hinters Haus, den „Garten“, ein steiler Lehmhang, der sich unter dem starken Regen langsam über die Wege vor´s Haus ergießt, besichtigen (Jetzt bei Regen ist mir auch die Bestimmung der zahlreichen Straßengräben überall klar!).
Ich erkläre der Vermieterin, wie unzufrieden wir mit dem Haus sind, zähle die Mängel auf. Sie unterbricht mich, zeigt auf den Dicken und fordert 100,- € extra für den verbrauchten Strom. Die hat sie wohl nicht mehr alle?! Das is doch kein Kühl-LKW, aus dem rund um die Uhr tonnenweise Eiswürfel purzeln!
Ruhig erkläre ich nochmals, dass dies kein Vier-Personen-Haus sei und ich deswegen im Wagen schlafen müsse. Sie keift mich an, dass das nicht stimme, rennt zur Tür, zeigt auf die Couch und ruft immer wieder, dass das ein Bett für zwei Personen sei. Ja, schon recht, du Schnepfe, krieg dich wieder ein. Ich argumentiere weiter: das Haus sei dreckig gewesen als wir es bezogen, es wäre keine Ausstattung für vier Personen vorhanden, der Küchenunterschrank stinkt nach Schimmel, die Küchenausstattung sei zudem im Großen und Ganzen defekt. Sie unterbrach mich wieder lautstark: das hätten alles wir dreckig und kaputt gemacht, das sollen wir auch noch extra bezahlen. Kommt die mal wieder zu sich?! Ich gehe in die Küche, hole, was ich gerade greifen kann aus den Schubladen und werfe es ärgerlich vor ihr auf den Terrassenglastisch. Die metallenen Büchsenöffner und Griffe knallen ordentlich auf der Glasplatte. Auf die eine Seite schmeiße ich meine Teile, die in Ordnung sind, auf die andere knalle ich ihre defekte Scheiße. Auf ihren Haufen zeige ich zuerst und blöke zurück: “Deine Scheiße aus dem Haus!“ und zeige auf sie, dann auf den anderen größeren: „Meine Sachen aus dem Wohnmobil!“ und zeige auf mich und dann auf den Dicken. Wütend wirft sie ein paar Geldscheine auf den Tisch, dreht sich um und geht ungarisch fluchend davon. Trotzdem ich ihr hinterherrufe, dass wir noch nicht fertig wären, stapft sie mit ihrer Freundin wild gestikulierend weiter. Die macht mich echt wütend, die dumme Kuh! Mutter zählt die Geldscheine, eine Woche Hausmiete hat sie ihr zurückgezahlt. Mutter ist zufrieden, ich nicht. Nun gut, wir werden sehen.

Wie man Baden- Württemberger in Österreich gar nicht sympathisch finden kann

Beim Abendessen halte ich mich zurück. Tochter und Mutter planen die Weiterfahrt. Es hat ja keinen Sinn mehr hier. Der Regen hört gar nicht mehr auf. Egal, wie oft Mutter erwähnt: „Da hinten is aber schon wieder schön!“.
Sie unterbreiten mir den Vorschlag, uns in Richtung Heimat zu begeben und auf dem Weg  anzuhalten wo´s schön ist. Ok, passt.
Also packen wir am 11. Urlaubstag und verstauen wieder alles im Alkoven. Da die Wäsche nur zum Teil trocken ist, packe ich die noch feuchte Wäsche in eine Extratasche. Es wird sich unterwegs eine Möglichkeit bieten, sie zu trocknen.
Der Vermieterschnepfe spreche ich noch einmal auf ihren Anrufbeantworter, daß wir sie innerhalb einer Stunde hier erwarten, weil wir fahren werden und sie solle noch Euros mitbringen. Natürlich kommt sie nicht. Natürlich schreibe ich ihr einen Brief, den ich ihr auf dem Terrassentisch hinterlasse, daß wir noch eine Woche Urlaub in ihrem Haus gut hätten und wir den noch innerhalb dieses Jahres hier verbringen würden, es sei denn sie schickt uns die restlichen Euros, dann würde ich ihr den Schlüssel zurücksenden. Natürlich schließe ich alles gut ab und natürlich stecke ich den Schlüssel ein und nehme ihn mit.
Auch Katze ist der Aufbruch nicht entgangen und sie streicht um unsere Beine, springt vom Wagen ins Haus und wieder zurück, damit wir sie auch ja nicht vergessen.
Wir fahren über´s nördliche Ungarn bis nach Österreich. Im Net haben wir eine schöne Gegend an der Donau entdeckt, See an See, in der man Campingplätze und Badegelegenheiten für das Enkel finden kann. Ich freu mich insgeheim schon über das Abenteuer in den Bergen. Mal sehen, was der Dicke so schafft.
Beim Tanken unterwegs in Österreich fall ich fast vom Glauben ab als mir die Dieselpreise bewusst werden. Was ist das denn? Hier ist der Diesel billiger als in allen anderen Ländern! Haben die Österreicher neuerdings eine Ölquelle aufgetan? Oder ist hier das Benzin weniger mit Steuern belastet als anderswo? Egal, ich tanke so viel und so oft ich kann solange wir in Österreich sind. Wir fahren die L 84 über Wiener Neustadt an die Donau und wollen uns einen der Campingplätze am Fluß entlang suchen, die wir vorher im Net bei Zwettl in Niederösterreich zahlreich gefunden haben.
Die Bergtouren sind der Gaudi für uns: der Dicke schleppt sich den Hügel hoch, zu Fuß wären wir wieder mal schneller gewesen und wir lachen bis uns die Tränen kommen.
Gegen 18 Uhr erreichen wir die anvisierte Gegend. Gerade haben wir es die Hügel hinaufgeschafft, vor uns das kleine Tal, durch das sich ein Fluß schlängelt und in dem es Campingplätze geben soll. Ich laß den Dicken den Berg auf ein kleines Dorf zurollen und reguliere die Geschwindigkeit nur mit der Bremse, da leuchtet plötzlich die Bremsleuchte am Armaturenbrett auf. Na, klar, das hat mir zu meinem Glück noch gefehlt. In den Bergen ein Bremsproblem! Wir rollen durch´s Dorf, finden den Campingplatz erst nicht, fahren zurück und entdecken einen steilen Weg noch weiter runter ins Tal. Vorsichtshalber stell ich den Wagen oben ab und laufe schnell runter, um nachzusehen, ob es der Weg zum Campingplatz ist. Ja, aber es ist kein Häuschen vorhanden, das Mutter hätte mieten können, um hier die Nacht zu verbringen. Im Wagen will sie nicht schlafen.
Ok, also weiter. Gut, daß ich den steilen Weg nicht runter gefahren bin, den hätte der Dicke nie und nimmer wieder hoch geschafft. Wir fahren in der einbrechenden Dunkelheit ein paar Kilometer weiter zu einem Campingplatz an einer Burgruine. Da die Rezeption seit 20 Uhr geschlossen hat, es aber bereits 21 Uhr ist, schaue ich mir die Anlage noch an und parke dann auf dem großen völlig leeren Besucherparkplatz vor dem eigentlichen Campingplatz. Wird uns wohl nichts anderes übrig bleiben als doch gemeinsam eine Nacht im Wagen zu verbringen. Mutter bekommt das Doppelbett, Tochter und Enkel schlafen auf der umgebauten Sitzecke und ich mache es mir im Schlafsack auf dem drehbaren Beifahrersitz gemütlich. Zuerst denke ich, daß ich kein Auge zukriege heut Nacht, aber dann muß ich wohl doch eingeschlafen sein, weil mich Tochter irgendwann in der Nacht anstupst, weil ich wieder schnarche.
Morgens schicke ich Tochter, Mutter und Enkel in die Duschen, dort kann man 0,50 € in die Duschautomaten direkt einwerfen. Meine Toilette erledige ich im Wagen. Dann gehe ich zur Rezeption und frage nach Übernachtungsmöglichkeiten. Ein kräftiger Bärtiger antwortet, daß er fast ausgebucht sei, aber noch Platz für Wohnmobile hätte. Ich spule meine Fragen ab nach Toiletten, Strom- und Wasseranschluß, Ferienhaus für Mutter. Er schaut mich an als hätte ich verlangt einen Platz auf dem Mond zu mieten. Stromanschluß? Das gäbe es bei ihm nicht. Äh, klar, ihr bekommt die Energie hier in Österreich bestimmt per Strahlenpost von einem fernen Planeten, oder wie? Seine Camper, erklärt er stolz, hätten schließlich alle Solaranlagen zur eigenen Stromversorgung. Gut, du Affe, denk ich, kann ja nich so schwer sein, mir ´n Kabel von deinem Büro zum Platz zu legen, und frage nach einer solchen Möglichkeit. Er schaut mich pikiert an, als hätte ich ihm auf den Tresen gesch…en.
Ok, auch gut. Wie sieht es dann mit Ferienhäuschen für Mutter aus? Man wäre seit Monaten ausgebucht, erklärt der gute Mann ziemlich von oben herab. Mir fällt auf, daß er gar nicht diesen wohligen österreichischen Slang drauf hat. Der kommt auch nich von hier. Ok, dann nicht, die Lust auf einen Aufenthalt hier is mir eh schon vergangen, Du Lackaffe. Wir würden allerdings gerne die Burgruine mit dem Enkel besichtigen, ob das wohl möglich wäre und welcher Weg da hin führe. Ob wir mit dem Auto da wären. Klar, du begriffsstutziger Trottel, sonst hätte ich ja nicht nach einem Platz für das Wohnmobil gefragt! oder meint er ich würd mal kurz vorlaufen nach Österreich, um auf seinem Platz zu reservieren? Ja, da müssten wir zurück an den Abzweig der Straße, an der Försterei einen Parkschein lösen für 2,- €, dann könnten wir auf dem Besucherparkplatz vor dem Campingplatz parken, um zur Ruine zu laufen. Ich antworte, daß wir bereits auf diesem Parkplatz stehen würden, sonst wären wir wohl kaum hier, und trotzdem die Ruine besichtigen wollen. So ginge das aber nun gar nicht, schließlich würde vorne ein Schild hängen, das die Pflicht zum Kauf des Parkplatzscheines ja ankündigen würde. Guter Mann, wenn ich mit meiner Familie um 21 Uhr hier ankomme und die Rezeption keine Gäste mehr empfängt, wird wohl auch die Försterei nicht mehr für Gäste geöffnet haben, um Besucher im Dunkeln zur Ruine zu lassen, also stelle ich mich nachts, um meine Familie nicht im Wald bei einem Lagerfeuer vor den Wölfen beschützen zu müssen, mit meinem Wagen auf diesen Parkplatz, um am nächsten Tag an der Rezeption, wenn sie denn wieder gewillt ist Gäste zu empfangen, einzuchecken. Nun stehe ich also hier, kann nicht einchecken, will aber zur Ruine.
Nun legt er aber richtig los: wie, Sie stehen hier bereits eine Nacht? Dann müssen Sie aber auch eine Nacht Campingplatz bezahlen! Das schlägt dem Faß ja nun den Boden aus! Is der irre? Wenn der nicht Österreicher ist, wo kommt der her? Vom Mond? Ruhig erkläre ich ihm, daß dieses Vorgehen aber auf allen Campingplätzen, die ich bisher besucht hätte, üblich sei: wer vor geschlossener Rezeption steht, stellt sich auf den Parkplatz davor und checkt am nächsten Morgen ein. Er empört sich, das höre er zum ersten Mal! Wo ich denn herkäme, wo so etwas üblich wäre? In Deutschland z.B. mache man das so, erwidere ich. Er käme aus Baden-Württemberg und ihm würde so etwas noch nicht untergekommen sein. Nun, dann fahr mal aus deinem Wolkenkuckucksheim los und probier´s aus, du Hansel. Typisch für diese Berliner, schimpft er. Hat er mich wohl an meiner Sprache erkannt. Ich verkneife mir einen Kommentar über die Baden- Württemberger, grinse ihn frech an, krame aus meiner Lederjacke ein Zwei-Euro-Stück und knalle ihm das auf den Tresen. Wenn ich eine Nacht auf dem Campingplatz verbracht hätte, würde ich die auch bezahlen, da ich aber nur die Ruine anschauen möchte, bezahle ich nun hiermit die Parkplatzgebühr und geh jetzt mit der Familie zur Ruine. Sprach´s, macht auf dem Absatz kehrt und geht mit der family die Ruine anschauen.
Die steht wirklich nur noch in einzelnen Mauerwänden da, nur ein gesperrter Turm ist noch erhalten. Das Enkel kraxelt alle Mauern, Nischen, Hügel mit Tochter ab und entdeckt eine kleine Schlange, die sich schnell im dichten Laub davon macht. Mutter sitzt derweil am anliegenden See auf der Bank und strickt. Diese Bucht am See ist wunderschön. Auf der linken Seite der Hügel mit der Burgruine, auf der rechten eine Felsenwand mit riesigen Steinen, die Enkel auch noch erkundet. (Leider habe ich keine Daten mehr über diesen Standort, scheinbar hat sich da mein Hirnzensor wg. dem Baden-Württemberger eingeschaltet.)

21. Juli 2011

Wie man auch mal Glück haben kann

Ich mache mir Sorgen wegen der Bremsen und sehe am nächsten Tag zu, daß wir in eine größere Stadt kommen, in der es eine Werkstatt gibt. An einer Tankstelle in Waidhofen an der Thaya werde ich zwei Häuser weitergeschickt und stehe vor einer Vertretung des ADAC (ÖAMTC) in Österreich. Ziemlicher Andrang hier. Ich gebe im Büro meine Daten an, bekomme einen schriftlichen Auftrag auf einem Klemmbrett und gehe in die Werkstatt, den nächsten freien Mitarbeiter das Klemmbrett in die Hand zu drücken. Es geht ziemlich schnell, der Mann ist sehr nett, schaut sich alles an und stellt fest, daß nicht, wie befürchtet, die Bremsbeläge hinüber sind, sondern das kleine Penökel, das den Fühler auf dem Bremsflüssigkeitsbehälter fest hält. Dieser Fühler ist deswegen locker und zeigt immer Störung an. Ok, klasse, also gar kein Problem vorhanden, das uns am Weiterfahren hindert. Er dreht sicherheitshalber noch einmal mit mir als Beifahrer eine Runde mit dem Dicken und fällt fast über´s Lenrad vor Entsetzen als ich ihm erzähle, was ich in der TÜV-Werkstatt bei Kozcessa in Oranienburg bezahlt habe und was seitdem für Mängel aufgetreten sind, die vorher nie da waren. Ja, stellt er beim Fahren fest, die Kupplung is nicht in Ordnung, da muß bestimmt bald mal was gemacht werden. Ach – der TÜV-Werkstatttyp hatte aber, als ich mich über das viel zu hoch herausschauende Kupplungspedal ärgerte, gemeint, da wäre nüscht! Nee, ich bleib ja auch andauernd mit dem Fuß an dem Pedal hängen – is nüscht! Klar! Also weiter.

Wie man Tschechien besonders scheiße erleben kann

Wir machen uns bald wieder auf den Weg um eine Übernachtungsmöglichkeit für die nächste Nacht zu finden. Mutter mag bestimmt nicht noch eine Nacht im Wagen verbringen. Am frühen Abend sind wir wieder in der Tschechei.
Hier werden Übernachtungsmöglichkeiten bestimmt auch besser zu finden sein und günstiger ausfallen.
Muttern meint, dann müssen wir aber auch unbedingt nach Prag, über die goldene Brücke laufen und die große Festungsanlage besichtigen. Gut, passt, Prag darf also nicht ausgelassen werden. Wollt ich eh schon immer mal hin.
Nach einigem Hin und Her finden wir die Festungsanlage, ist auch kaum zu übersehen, bei dem Touristenrummel um sie herum, nur ich fahr natürlich dran vorbei, weil ich die Burg gar nicht sehe. Einige Einbahnstraßen weiter finden wir eine Sackgasse der Anlage gegenüber, die zum Parkplatz umfunktioniert wurde. Wir bezahlen die obligatorische Parkplatzgebühr und besichtigen die Festung Hradschin.
Imposant: eine riesige Anlage mit Burg, Kirche, Befestigungsmauern und allem Pipapo, Touristenläden, Restaurants, Wachsoldatenwechsel in steifem Ritual bis DDR-Spielzeugmuseum, und natürlich Touristen aller Quoleur. In einem Restaurant gehen wir Mittag essen. Seltsames Ambiente… in einem großen Gebäudekomplex untergebracht in der hintersten Ecke, Essen seltsam und teuer, über 80,- € müssen wir blechen! Das verkneifen wir uns nächstes Mal! Die übrigen Räume im Haus erinnern mich an ein öffentliches Gebäude, mit Gästebuch, Bildern von Besuchern politischer Persönlichkeiten, vielleicht waren wir hier in der Kantine einer Botschaft gelandet.
Hradschin- Festung Prag / Quelle: pics.de

Nun wollen wir noch unbedingt über die Karlsbrücke. Ich fahre also die Moldau entlang bis Mutter die Brücke entdeckt. In der Altstadt in kleinen Gassen finde ich auf einem großen Platz vor einer Kirche einen Parkplatz. Es fängt wieder an zu regnen. Na, klar! Die Stadt wimmelt nur so vor Touristen. Wir drängeln uns durch eine Ladenpassage, in der Tochter einen Laden mit Figuren vom kleinen Maulwurf entdeckt; da muß eine für das Enkel mit.
In strömendem Regen laufen wir über die Brücke. Riesige Statuen mit den geschichtlich wohl wichtigsten Herrschern Prags oder Tschechiens säumen das Brückengeländer.

Ebenfalls stehen dort Massen von Touristenständen, Kunstmaler, Souvenirstände, Postkartenverkäufer und Bettler. Die Bettler fallen mir nur auf durch ihre seltsame Haltung. Die knien auf dem Boden in strömendem Regen, die Stirn auf´s Pflaster gelegt und die Hände ausgestreckt, einen Plastikbecher haltend, in dem einige Münzen liegen. Demut dem Spender gegenüber? Dem Schicksal? Wollen die dadurch erbarmungswürdiger aussehen? Was weiß ich. Ich will hier weg, is alles zu naß und zu kalt und zu voll.

Karlsbrücke in Prag/ Quelle: pics.de

Aus der Altstadt herauszukommen gestaltet sich etwas schwieriger. Wir fahren eine enge Einbahnstraße entlang, ich freu mich, dass wir gerade so durch die engen Gassen passen mit dem Dicken, da steht vor uns plötzlich eine Brücke, die gewiß nicht gebaut wurde, um meinen Dicken durchzulassen, so niedrig wie die ist. Was nu? Wir befinden uns in einer Einbahnstraße und nirgends war ein Hinweisschild auf diese Spielzeugbrücke zu sehen gewesen! Also, Rückwärtsgang rein und die Straße wieder zurück. In einer Sackgasse kann ich rückwärts einscheren, um die Einbahnstraße zurückzufahren. Wir kommen heil aus dem Gassengewirr heraus.
In der Stadt auf der anderen Seite der Moldau kommen wir an eine Verengung einer Straße, in der Mitte Gleise der Straßenbahn, die natürlich just in dem Moment in diese Verengung fährt, die wir gerade passieren. Da Platz genug für uns beide ist, fahre ich vorsichtig in Schrittgeschwindigkeit weiter. Hinter dieser Verengung springt mir plötzlich ein Polizist vor den Wagen, ein zweiter folgt. Bevor der erste vor dem Fahrerfenster herrisch was auf tschechisch fordert, kann ich noch meine großen Scheine aus meinem Portomannaie unter den Fahrersitz stopfen. Ich kurbel das Fenster halb runter und grüße ihn freundlich. Der mag mich nicht. Er herrscht mich auf tschechisch an und ich verstehe kein Wort, außer: „Passport!“ Ich zeige ihm meinen durch das Fenster und halte ihn fest. Wütend reißt er ihn mir aus der Hand und blökt mich an „ICH POLIZIST!“ und zeigt auf seine Uniform. Ja und, du Hampelmann, was heißt das schon? Ich sehe mich schon im Geiste im tschechischen Gefängnis und lege mir meine Worte zurecht, die ich ihm stereotyp wiederholen werde, wenn es ernst werden sollte: „Deutsche Botschaft! Ich verlange die Deutsche Botschaft!“
Es scheint den Herrn Polizisten sehr zu nerven, dass er sich wiederholen muß: scheinbar war die Durchfahrt in der Straßenverengung neben der Straßenbahn verboten. Ich schaue in den Rückspiegel und sehe mehrere PKW da durchfahren. Erkläre ihm mein Unverständnis, er hört gar nicht zu, deutet mir ein Stück weiter rechts ranzufahren und nimmt meinen Ausweis mit. Beim Weggehen zischt er ein „Deutsch!“ zwischen den Zähnen hervor. Der mag mich eindeutig nicht. Sein Kollege kommt und füllt einen Strafzettel aus. Ich frage wie viel er verlangt, er zeigt 2000,-. Ja, geht´s noch?! Ich zeige ihm meine letzten beiden 20,-€-Scheine im Portomonnaie und sage, dass wir damit nach Hause müssen. Er hält mir weiterhin wortlos den Strafzettel hin. Mein Bitten und Betteln nutzt nichts, nach einer Weile zeigt er auf die Bargeldautomaten drei verschiedener Banken hinter sich. Mir dämmert: die postieren sich hier extra an dieser Stelle, damit die dummen Deutschen hier auch ja keine Ausrede haben, nicht zahlen zu können. Ich kapituliere, der hat eindeutig den längeren Atem oder den mieseren Vorgesetzten hinter sich, der inzwischen den nächsten zahlenden Kandidaten aus dem Verkehr zieht, um ihn zu seinem Kollegen zu schicken. Mir dagegen sitzen ängstliche, erschrockene Menschen im Nacken, meine Familie, die nie was mit der Polizei am Hut hat und keinen Wert auf dramatische Wendungen in ihrer Leben legt. Ich gehe also über die Straße und ziehe aus dem nächsten Geldautomaten 2000,- tschechische Kronen. Beim Zurückgehen macht sich grad der aus dem Verkehr gezogene deutsche PKW, der vor dem Dicken gehalten hat, aus dem Staub. Ich muß grinsen. Wenigstens einer entkommt dieser miesen Masche! Ich zahle, bekomme auch eine Quittung, die ich dem Schweigsamen gern einfach vor die Füße werfen würde. Aber nachher komm ich noch wegen Umweltverschmutzung dran und wer weiß, was das denn noch kostet! Also stecke ich sie brav mit meinem Ausweis zusammen ein und hab insgesamt die Schnauze voll von Prag.
Egal wie golden die Stadt sein soll, wenn dann wohl von dem abgezockten Geld der Touris.

Froh aus der Hauptstadt zu sein, machen wir uns auf in Richtung deutsche Grenze. Hinter Prag finden wir einen großen, gut besuchten Campingplatz an einem See. Überall stehen Zelte, Wohnwagen, PKW, Hütten. Wir fragen an der Rezeption nach einer Hütte für Mutter und ich bin insgeheim froh, dass alles restlos ausgebucht ist. Vor der Rezeption stehen Gruppen von jungen Leuten in Jogginghosen und lamentieren laut. Der Platz macht eher den Eindruck eine Jugendcamps; überall liegt Müll rum, die Hütten sind ziemlich verwahrlost.
Wir fahren in den Ort zurück, um in einer Pension nachzufragen. Niemand öffnet auf unser Klingeln hin. Ok, wer nich will, der hat schon.
Im örtlichen Lädchen gehen wir noch einige Lebensmittel besorgen. Ich brauch dringend meine Butter auf´m Brot. Mutter greift zu einer mit bunter Alupackung und gescheckter Kuh drauf. Ich frag sie, warum sie nicht die einfach verpackte, wesentlich günstigere daneben nimmt. Sie hält mir die bunte teure Butter unter die Nase und meint, dass die mit der Kuh doch viel hübscher aussehe. Ich schau sie an und frage mich, ob ich wohl ein Findelkind gewesen oder ihr irgendwie untergejubelt worden sei im Krankenhaus nach meiner Geburt. Ich lege die Butter im weißen Papier in den Einkaufskorb und geh die Nudeln suchen.




20. Juli 2011

Wie man sich in der Heimat wie ein Aussätziger fühlen kann

Am frühen Abend sind wir wieder in Deutschland und fragen in einem kleinen Ort bei einer Zimmervermietung auf einem schönen Vierseithof nach einem Zimmer für Mutter. Das junge Paar hätte zwar ein Zimmer frei, das erst am nächsten Tag belegt sein würde, es wäre aber noch nicht hergerichtet und daher nicht zu vergeben. Na gut, wer nicht will…
Zwei Orte weiter finden wir eine Pension, die Mutter ein Zimmer für 40,- € vermietet. Auf dem hauseigenen Parkplatz können wir nicht mit dem Wagen stehen bleiben, meint die Wirtin, der wäre für ihre Gäste. Was sind wir? Neandertaler? Is Mutter hergeflogen, oder was? Was soll´s, wir stellen uns also auf den gegenüberliegenden Parkplatz. Mutter will gleich auf ihr Zimmer. Und Abendessen? Ich bringe ihr was rüber, sie ist schon im Nachthemd.
Im Wagen scheuche ich Kinder und Katze raus zum Abendspaziergang, drapiere die Leine unter´m Wagendach, hänge die noch feuchte Wäsche auf und mache Abendessen.
Innerhalb weniger Stunden sind wir dann am nächsten Tag wieder daheim.


19. Juli 2011

Wie man einen kompletten Tag im Jobcenter herumkriegen kann


Hier ein Erlebnisbericht einer Bekannten, der mir bestätigt, warum man gemeinhin nichts mit diesem Center zu tun haben möchte:

„ Seit vier Wochen warte ich nun schon darauf, dass mein Antrag auf Weiterbewilligung bearbeitet wird. Ein halbes Jahr muß ich schon Sozialleistungen in Anspruch nehmen; fällt mir nicht leicht, aber geht momentan wg. dem Kind nicht anders.
Meine Sachbearbeiterin aus der Leistungsabteilung teilte mir mit, dass neben dem Regelbedarf die zukünftigen Unterbringungskosten nur nach der tatsächlichen Höhe geleistet werden (wenn sie denn in einem gewissen Rahmen bleiben), wenn ich in mein Wohnmobil umziehe. Also sende ich ihr alle Kosten meiner Unterkunft zu und warte. Nach vier Wochen wird mir telefonisch in der Hotline mitgeteilt, dass kein Weiterbewilligungsantrag eingegangen ist und ich sofort einen stellen muß, um überhaupt noch Leistungen zu bekommen.
Meine Sachbearbeiterin ist telefonisch nicht zu erreichen und so mache ich mich am nächsten Morgen um 9 Uhr auf den Weg ins Jobcenter, um einmal den Stand der Dinge zu erfahren.
Im Hauseingang, in dem ich mich suchend nach dem richtigen Flur umsehe, weist mir ein netter Joggingbehoster den richtigen Aufgang. Im Raum, in dem Wartenummern ausgegeben werden, frage ich den Herrn hinterm Schreibtisch nach meiner Sachbearbeiterin. Er antwortet knapp: “Die Frau Schwecht ist hier nicht.“
„Ok, wo finde ich die Frau Schwecht denn?“
„Die arbeitet hier nicht.“
„Ach, die arbeitet gar nicht für das Jobcenter? Aber sie hat doch die Briefe an mich unterschrieben.“
„Natürlich arbeitet die Frau Schwecht im Jobcenter. Aber nicht hier.“
„Aha, wo finde ich sie denn dann?“
„Die ist hier nicht zu sprechen.“
„Ja, das habe ich verstanden, aber wo finde ich sie?“
„Was wollen sie denn von ihr?“
„Mir wurde gesagt, dass ich einen Antrag auf Weiterbewilligung stellen muß, aber…“
„Hier diesen Antrag ausfüllen und…“
„Ich hätte vorher gerne Frau Schwecht gesprochen.“
„Die arbeitet aber nicht hier im Haus.“
„Ach, dann haben Sie also mehrere Häuser, in dem verschiedene Abteilungen des Jobcenter erreichbar sind?“
„Die Sachbearbeiter und Fallmanager arbeiten im Haus hinter dem Gericht. Hier in der Berliner Straße werden nur die Anträge angenommen. Das weiß doch wohl jeder!“
„Ach, woher soll ich denn wissen wie Ihre Organisation hier funktioniert? Wissen Sie denn, wie meine Firma organisiert ist? Haben Sie eine Ahnung in welcher Funktion ich in meiner Firma tätig bin? Wieviele Filialen meine Firma hat? Also setzen Sie bitte nicht voraus, dass jeder weiß, was Sie scheinbar wissen!“
„Woll´,n Se jetzte `n Antrag?“
„Klar, guter Mann, damit die Dame, die hinter mir wartet auch endlich drankommen kann!“
Ich fülle also den Antrag aus und warte. Gut, dass ich mir ein Buch mitgenommen habe. Den Gesprächen der anderen Wartenden entnehme ich, dass heute scheinbar ein hoher Krankenstand unter den Mitarbeitern des Jobcenter zu verzeichnen ist. Meine Nummer wird nach einer Stunde aufgerufen. Der jungen Dame hinter dem Schreibtisch erkläre ich meine Situation.
Ja, sie könne den Antrag entgegennehmen, aber der würde dann ab heute erst gelten. Ich erkläre ihr, dass ich Frau Schwecht aber anders verstanden und meine Papiere bereits vor einem Monat abgegeben hätte. Sie schickt mich wieder vor die Tür, um Frau Schwecht anzurufen. Ich lese weiter in meinem Buch bis sie mich wieder hineinruft.
Frau Schwecht wäre gar nicht am Arbeitsplatz heute und sie hätte mit der Vertretung telefoniert, die würde ihre Aussage aber bestätigen.
Ich könnte heulen. Die Schwecht hat mir ganz offensichtlich eine falsche Auskunft erteilt, so dass mir jetzt für einen Monat das komplette Geld fehlt!
Der jungen Frau vor mir erläutere ich meine Situation: „Vor einem Monat habe ich meine Papiere bei Frau Schwecht eingereicht in dem Glauben, dass dies für eine Weiterbewilligung ausreicht. Sie hat mir bis heute nicht mitgeteilt, trotzdem ich sie per Mail um Antwort gebeten hatte, dass ich einen neuen Antrag einreichen muß. Damit kann ich hier ja wohl von einer mutwilligen Falschinformation der Frau Schwecht ausgehen!“
Die junge Frau ist entsetzt: „Aber nein, das ganz bestimmt nicht. Das ist scheinbar ein Irrtum!“
„Ich habe nun noch genau vier Euro im Portemonnaie und keine Möglichkeit den Wagen zu betanken, mit dem ich bereits auf Reserveanzeige hergefahren bin, um mein Kind von der Betreuung abzuholen, geschweige denn ihm essen zu kaufen, weil ich gutmütig einer Auskunft einer Frau Schwecht geglaubt habe und so geduldig war bis zum heutigen Tag auf nervige Nachfragen zu verzichten!“
„Ja, das tut mir sehr leid, ich kann Ihnen nachempfinden, wie es Ihnen geht, aber ich kann Ihnen gar nicht helfen.“
„Nein, das möchte ich bezweifeln, dass Sie das nachempfinden können, sonst würde Ihnen eine Lösung einfallen. Es geht hier nicht um die Butter auf dem Brot, sondern um das Brot selbst! Ich hätte jetzt gerne wenigstens einen Teilbetrag, der es mir erlaubt, mein Kind abzuholen und ihm Essen für die nächsten Tage zu ermöglichen!“
Sie verspricht, ihre Vorgesetzte zu fragen. Ich lese im Warteraum weiter in meinem Buch bis sie mich wieder hineinruft.
„Also, es ist möglich ihren Antrag vorläufig zu bescheiden, wenn Sie mir jetzt die Kontoauszüge der letzten drei Monate vorlegen.“
„Das ist mir leider nicht möglich, da ich gerade bei meiner Bank eine neue Pin für mein Onlinebanking angefordert habe, ohne die ich nicht Einsicht auf mein Konto habe, also auch keine Kontoauszüge einsehen kann.“
„Aber ohne diese Kontoauszüge kann der Antrag nicht bearbeitet werden. Dann lassen Sie sich die doch am Kontoauszugsdrucker Ihrer Bank ausdrucken.“
„Meine Bank offeriert mir leider nur eine Möglichkeit: entweder Onlinebanking oder Kontoauszüge schriftlich, aber nicht beides. Ich habe mich für Onlinebanking entschieden, da mich das nichts extra kostet. Also muß ich erst auf die neue Pin warten.“
„Tja, ohne Kontoauszüge kann ich nichts machen.“
„Sehen Sie, und ich kann nichts machen ohne Geld. Ich werde hier erst wieder gehen, wenn ich Geld bekomme!“
Die junge Frau schaut mich etwas entgeistert an und scheint nicht recht zu wissen, wie sie mit der Situation umgehen soll. Fast tut sie mir etwas leid. Aber ich vertraue auf ihren gesunden Menschenverstand. Bisher war sie sehr engagiert und verständnisvoll. Sie wird eine Lösung finden.
Sie schickt mich wieder hinaus, um ihre Vorgesetzte zu sprechen. Die ruft mich, kaum, dass ich ein Kapitel meines Buches weitergelesen habe, wieder hinein.
„Also, das kann ich mir nicht vorstellen, dass Sie keine Kontoauszüge bekommen. Das habe ich ja noch nie gehört. Wir brauchen die dringend, um Ihren Antrag wenigstens vorläufig bescheiden zu können.“
„Ich weiß, ich danke Ihnen auch für die Mühe, die Sie sich alle machen, um eine Lösung zu finden, aber dem ist wirklich so: ich bekomme von der Postbank keine andere Möglichkeit, wenn ich mich einmal für eine entschieden habe.
Aber mir ist eingefallen, dass ich ja per Telefonpin bei der Postbank anrufen kann. Dann können die Ihnen ja vielleicht die Kontoauszüge per Fax oder Mail zusenden. Leider habe ich aber auch kein Guthaben mehr auf meinem Handy, um dort anzurufen. Wenn Sie mir also gestatten würden, von Ihrem Telefon aus…?“
Sie gestattet, und nach langem Hin und Her, erreiche ich endlich einen Herrn Papandreo in der Hotline. Nein, es ist dort niemandem möglich meine Kontoauszüge irgendwo hinzufaxen oder zu –mailen. Aber ich könne doch an jeder Filiale der Postbank meine Kontoauszüge ausdrucken lassen. Ich kläre ihn über meine Wahl des Onlinebanking auf. Er behauptet aber, dass dies in einer Filiale mit Bankkundenbetreuung möglich wäre. Ok, also wo wäre die nächste? Am Bahnhof, meint er und versichert mir, dass er sich dafür verbürge. Ich lege auf und versichere wiederum den Damen vor mir, dass dies wirklich noch nie möglich gewesen wäre bisher in dieser Filiale und ich hätte schließlich in der Nähe gewohnt und diese Filiale oft nutzen müssen.
Nichtsdestotrotz mache ich mich also auf den Weg, um die fehlenden Kontoauszüge zu holen.
Uih, und ich bekomme sogar einen Parkplatz vor der Tür, was für´n Glück!
Das soll dann aber bis auf weiteres der einzige Glücksmoment gewesen sein, denn als ich der Frau Schwedenbrodt bei der Postbank mein Anliegen vortrage, schüttelt sie den Kopf: „Nein, das kann ich nicht. Ich kann Ihnen keine Kontoauszüge ausdrucken. Da hat man Ihnen eine falsche Auskunft erteilt.“ Mein Gesichtsausdruck scheint etwas entgleist zu sein, Frau Schwedenbrodt weicht einen Schritt rückwärts. Nach einem tiefen Seufzer erkläre ich ihr meine missliche Lage und bitte sie, mir eine kurze Bestätigung ihrer Worte zu schreiben, um dies dem Jobcenter vorlegen zu können.
„Nein, das kann ich nicht.“
„Können oder wollen Sie nicht?“
„Ich darf Ihnen so etwas nicht schreiben.“
„Wer verbietet es Ihnen, der liebe Gott? Ihr Chef? Micky Mouse?“
„Ich darf es nicht.“
„Ah, Sie stehen scheinbar unter dem Einfluß einer außerirdischen Macht, die Ihnen das Schreiben untersagt, aber gestattet, vor Ihren Kunden unsinnige Wiederholungen von sich zu geben!“
„Ich darf Ihnen das nicht schreiben.“
„Können Sie mir dann wenigstens eine Telefonnummer geben, unter der das Jobcenter sich diese Tatsachen bestätigen lassen kann?“
„Nein, die darf ich nicht herausgeben.“
„Arbeiten Sie für einen Geheimbund oder so was, Frau Schwedenbrodt?“
„Ja, Sie können meinen Namen ruhig wissen. Wir alle tragen hier Namenschilder.“
„Na, das ist ja wohl das mindeste, meinen Namen kennen Sie ja auch. Wie kann ich dem Jobcenter denn nun belegen, dass Ihre Aussage stimmt und nicht die des Herrn Papandreo aus Ihrer Hotline?“
Sie geht und kommt mit einem Packen Hochglanzbroschüren zurück: „Steht alles da drin.“
„Äh, wo?“
„Das müssen Sie sich schon selbst rauslesen.“
„Nein, muß ich nicht! Dazu werden auch die Mitarbeiter des Jobcenters keine Zeit haben. Und das mindeste, was ich von Ihnen jetzt erwarte, nachdem ich bereits den Frosch einer solch für mich fatalen Fehlinformation eines Ihrer Mitarbeiter Ihrer Bank schlucken musste und auch Sie nicht willens sind, mir weiterzuhelfen,  ist, dass Sie mir die Stellen, wo ich die entsprechenden Informationen finde, markieren. – Warum setzt man eigentlich keine Roboter an Ihre Arbeit?“
Genervt knallt sie die Hefte auf den Tisch und markert mir einige Stellen an. Ich bedanke mich grinsend und mache mich frustriert zurück zum Jobcenter. Wer bildet die Leute von der Post eigentlich aus? Und warum bekommen solche Leute eigentlich einen Job und ich nicht? Bestimmt bin ich einfach nicht blöd genug für solche Kollegen!
Im Warteraum im Jobcenter fallen mir die aufgehängten Poster auf. Hier hängen allen Ernstes alle Bilderrahmen voller Werbeposter der Region Oberhavel: wie wundervoll die kulturellen Veranstaltungen sind, wie wirtschaftlich stark und abwechslungsreich die Region doch ist, usw. Wie pervers, die genau den Arbeitslosen oder Hilfebedürftigen vor die Nase zu hängen, die davon so rein gar nichts haben. Echt sozial, Ihr Heinis!
Aber das Jobcenter heißt ja auch nicht „Jobcenter“, weil es Jobs zu vergeben hat! Nein, bedenkt man die Tatsache, dass der größte Teil der Steuergelder, der diesem Ressort zur Verfügung steht, gar nicht den Arbeitssuchenden und Hilfebedürftigen zugute kommt, sondern der Verwaltung der Arbeitslosigkeit, ist unschwer zu erkennen, dass das Jobcenter seinen Namen deshalb hat, weil es Jobs für die Verwaltungsangestellten schafft.
Kein Buchkapitel im Warteraum ganz gelesen, werde ich wieder von der jungen Dame aufgerufen. Ich lege ihr die Broschüren hin und berichte von meinem Besuch bei der Postbank. Sie schickt mich wieder hinaus, um diesmal ihren Teamchef zu befragen. Jetzt schaffe ich zwei ganze Kapitel des Buches zu lesen. Inzwischen hat auch das Publikum im Wartezimmer gewechselt. Ich scheine hier heute einen zeitlichen Marathon abzulegen.
Die Teamchefin ruft mich wieder hinein.
„Also, ohne die Kontoauszüge dürfen wir nichts auszahlen. Ohnehin sind wir gar nicht zuständig für eine Zahlung. Das dürfen wir gar nicht. Wir nehmen hier nur Anträge entgegen.“
„Aber natürlich dürfen Sie das. Wenn jemand so hilfebedürftig ist wie ich gerade, dann dürfen Sie das, das weiß ich.“ lächle ich sie an.
„Nein, wir sind nur für Anträge zuständig.“
„Ja und für die schnelle Bearbeitung in Notfällen. Und dies hier ist ein solcher Notfall. Ich habe einer Information meiner Sachbearbeiterin geglaubt und musste feststellen, dass sie mich völlig fehlinformiert hat – auf meine Kosten. Ich habe
gerade die letzten Tropfen Benzin für einen Weg verfahren, der völlig umsonst war, weil man mir nicht glaubte. Ich habe kein Geld mehr, um mein Kind aus Berlin von der Betreuung abzuholen, geschweige denn ihm ein Essen anzubieten. Das nennt man wohl schlechthin eine Notlage.“
„Warum ist ihr Kind denn in Berlin untergebracht? Es geht doch hier im Ort zur Schule?“
„Ja, aber da ich eine Betreuung auch nach der Schule sicherstellen musste, weil ich nicht wissen konnte, wie lange ich hier im Jobcenter verbringen werde, hat sich eine Freundin bereit erklärt, mein Kind von der Schule abzuholen. Daher werde ich es auch von dort abholen müssen.“
„Hätten sie das Kind nicht solange im Wagen warten lassen können?“
Mein Ton nimmt nach dieser Frechheit einen sehr tiefen und bedrohlichen Klang an: „Sie lassen ein achtjähriges Kind von 9 bis 14:30 Uhr allein in einem Auto sitzen?!?“
„Äh, nein… warten Sie bitte noch einmal draußen.“
Nach zehn gelesenen Seiten im Buch ruft sie mich wieder hinein.
„Also, ich kann ihnen heute eine Zahlung gewähren, wenn Sie innerhalb einer Woche die fehlenden Kontoauszüge nachreichen.“
„Aber natürlich, mache ich, wenn die Postbank mir die Pin entsprechend schnell zusendet.“
„Gehen Sie um 17:30 Uhr zum Gebäude am Gericht zu Frau Dink, dort können Sie ihr Geld abholen.“
Sie legt mir einige Papiere hin zum Unterschreiben und mahnt in oberlehrerhaftem Ton: „In Zukunft müssen Sie die Anträge aber pünktlich abgeben…“
Ich beuge mich etwas säuerlich zu ihr: „Ich bin vielleicht ein wenig naiv… aber nicht blöd!“
Es ist 14:45 Uhr, da habe ich ja noch einige Zeit zu überbücken bis ich an das Geld komme. Im Wagen mache ich ein wenig sauber, räume etwas auf, koche mir einen Kaffee und habe selbst dann keinen Hunger als ich feststelle, dass ich am Tag vorher das letzte Mal etwas gegessen habe.
Um 17:20 Uhr stehe ich vor dem Zimmer der Frau Dink. Pünktlich 17:30 Uhr kommt Frau Dink, schließt ihre Bürotür auf und bittet mich herein. Keine fünf Minuten später halte ich einen Scheck in der Hand.
„Äh, das ist aber bitte kein Verrechnungsscheck, oder?“
„Nein, damit gehen Sie zur Sparkasse und bekommen das Geld bar ausgezahlt.“
Ich bedanke mich und mache mich auf dem schnellsten Weg zur Sparkasse. Na, hoffentlich hat die noch geöffnet um diese Zeit!
Der schnellste Weg kann aber im Abendberufsverkehr ziemlich lang werden. Um 17:50 Uhr betrete ich die Sparkasse, die heute ebenfalls bis abends geöffnet hat. Am Schalter wird mir der Scheck wieder über den Tisch zurückgeschoben: „Das kann ich Ihnen leider nicht auszahlen. Da fehlt eine Unterschrift. Sehen Sie: hier müssen immer zwei unterschreiben.“
Ich starre den Scheck an und kann es nicht glauben. Dieser Marathon hat immer noch kein Ende! Und das Jobcenter macht um 18 Uhr dicht!
Ich renne zum Wagen, fahre wie der Henker zurück, aus einigen Fächern verabschieden sich herausfallende Sachen, halte mit quietschenden Reifen vor dem Eingang des Jobcenter, haste die Treppe hoch und schaffe es grad noch vor dem Aufreißen der Tür anzuklopfen. Frau Dink ist, Gott sei dank, noch da und schaut mich nun erstaunt an: „Was ist los?“ 
Völlig außer Atem kann ich nur noch hecheln: „Unterschrift fehlt!“
Peinlich berührt nimmt sie den Scheck und läuft einige Zimmer weiter, um sich die zweite Unterschrift zu holen. Entschuldigend gibt sie ihn mir wieder: „Das ist mir in meiner ganzen Laufbahn noch nicht passiert. Tut mir leid.“
„Hat die Bank noch auf?“
„Ja, die hat heut lange auf.“
Ich rase zur Bank zurück, laß den Wagen im Halteverbot vor der Bank stehen und stehe genau 18:20 Uhr wieder am Schalter; um 18:30 Uhr macht die Bank zu. Ich kann endlich tanken und einkaufen fahren.

Die Moral von der Geschicht: glaub deiner Sachbearbeiterin nich!“

(alle Namen geändert)